Zwei Hühner – Zwei Leben

Veröffentlicht von Franz am

Ein Zufall und die Industrie

Es war Sommer im Jahr 2011, als Maximilian*, Sohn des Betreibers einer österreichischen Hühnermastanlage, beschloss ein Experiment zu wagen: Er wollte beobachten, wie sich das Leben eines in Freiheit lebenden Huhnes von jenem in einer Mastanlage unterscheidet. Dazu kaufte er seinem Vater ein Huhn ab und hatte die seltene Möglichkeit, ein Vergleichshuhn in der Anlage zu begleiten. Maximilian gab den Hennen zur leichteren Differenzierung Namen. Dieser Artikel basiert auf seinen Berichten. Huhn Camilla war 22 Tage alt, als Max sie befreite und zu einem Gnadenhof brachte. Huhn Maya hingegen würde ihren Lebensabend so wie alle anderen in der Anlage verbringen. Sie war im selben Alter wie Camilla, als das Experiment begann …

*Name von der Redaktion geändert

… Camilla

Der Duft der Freiheit

Es dauerte eine Weile bis sich Camilla an ihr neues Zuhause gewöhnte. Sie versteckte sich anfangs stundenlang in den Büschen und bewegte sich nur ausgesprochen langsam. Das war zu erwarten, war sie doch noch nicht einmal mit der Sonne oder dem Wind vertraut, und schon gar nicht mit einem weiten Feld, auf dem sie sich frei bewegen konnte. Nach ein paar Tagen näherte sie sich zum ersten Mal der Hühnergruppe, die schon vor ihr am Hof hauste. Sie schloss vorsichtig Bekanntschaft mit ihnen und ergackerte sich so ihren Platz in der Hackordnung.
Schon bald begann sich das Leben in Camilla zu entfalten. Ihre Bewegungen wurden zügiger, ihr Gang wurde mit der Zeit aufrechter, sie zuckte nicht mehr vor lauten Geräuschen zurück und immer mehr natürliche Verhaltensweisen machten sich bemerkbar. Wären da nur nicht diese Schmerzen: Da sie darauf gezüchtet worden war, sehr schnell zu wachsen, waren ihre Gelenke kaum stark genug für die riesige Brust, die sie innerhalb kürzester Zeit bekam. In ihrem extrem jungen Alter war sie aufgrund der Züchtung schon fast so groß wie die erwachsenen Hühner. Aber das tat ihrer Entwicklung keinen Abbruch. Schon am vierten Tag entdeckte Camilla das Scharren – ihr erster Schritt in die Unabhängigkeit. Nun konnte sie mithilfe ihrer eigenen Zehen die Bodenschicht aufkratzen und Futter aus der Erde picken.

Zwei Hennen in Freiheit – (c) Doris Hofner-Foltin

Heute ist Camilla drei Jahre alt. Ihr Federkleid ist dicht geworden und leuchtet in der Sonne in sattem Weiß. Sie sieht kräftig aus, wenngleich die Schwere ihrer Brust noch immer Probleme verursacht. Dennoch, sie wird als eine der allerwenigsten ihresgleichen bis an ihr natürliches Lebensende in Frieden leben dürfen. Scharren zählt noch immer zu Camillas Lieblingsbeschäftigungen, aber auch das Flattern und Fliegen, das Baden im Sand zur Fellpflege und das Umgraben des Misthaufens machen ihr Freude. In der Nacht schläft sie auf einer Stange im Stall mit ihren Mitbewohner_innen. Das Schlafen auf erhöhten Flächen ähnelt dem Schlafen der Wildhühner auf den Bäumen, die sich so vor Raubtieren schützen.
Camilla hat sich früh nach ihrem Einzug auf dem Hof ein sicheres Nest im Gebüsch eingerichtet, wo sie immer wieder ihre Eier ausbrütet. Der Platz im Gebüsch war für Camilla von Anfang an ein wichtiges Versteck, ihre Sicherheitszone, die sich mittlerweile zu ihrer kleinen Wohlfühlecke entwickelt hat. Falls die Überzüchtung nicht zu ihrem verfrühten Tod führen wird, wird sie dort noch 17 Jahre lang immer wieder mal in Ruhe ein Ei legen.
Bereits 24 Stunden bevor sie ein befruchtetes Eier legt, beginnt Camilla mit dem heranwachsenden Küken zu kommunizieren. Sie gluckert ruhig vor sich hin und so kann sich das Baby schon ganz früh die Stimme seiner Mama einprägen. Ist das Küken erst einmal da, piept es in den unterschiedlichsten Tönen um sich ihrer Mutter mitzuteilen. Camilla ist für diese Laute außerordentlich empfänglich, als Glucken-Mama hat sie ständig ein Ohr für ihre Kleinen. Das Küken, das die Stimme der eigenen Mutter unter allen anderen exakt heraus erkennt, kann so auch über eine größere Entfernung wieder zurück nach Hause finden. Mit den anderen Hühnern kommuniziert Camilla ebenfalls rege, den Hahn des Hofes hingegen übertrifft nicht einmal sie, der scheint unter allen das größte Plappermaul zu sein. Er kräht morgens um sein Revier abzustecken und brummelt auch so über den Tag verteilt, um Camilla und die anderen Hennen aufzufordern, ihm zu folgen. Meistens tun sie das auch, manchmal aber – so wie heute – verprügelt ihn dann eine der Hennen. Camilla zählt jedoch nicht zu den extrovertierten Genossinnen, sie ist einfach nicht dieser Typ Huhn. Eher bevorzugt sie in solchen Momenten, sich in ihrem Gebüsch zu verkriechen und dort davon zu träumen, wie unbeschwert ihr neu gewonnenes Leben geworden ist.

 

 

… Maya

Das ungelebte Leben

Es war stickig, eng und unerträglich laut in der riesigen, künstlich beleuchteten Halle, die Mayas Zuhause war. Ihr sehr gut entwickeltes Hühnergehör wurde in der Halle stark überstrapaziert. Maya war ängstlich und hatte immer wieder Krampfanfälle. Sie hatte knapp so viel Platz wie diese Papierseite groß ist. Auf 1m2 musste sie mit 19 anderen Hühnern zusammengepfercht ausharren. Insgesamt aber war die Halle so groß, dass tausende Hühnchen wie Hähnchen darin schimpften und schubsten, krähten und gackerten, brüllten und jammerten. Alles war seltsam, alles tat weh. Mayas Beinchen waren stark geschwollen von dem Gewicht ihrer Brust und der Unmöglichkeit sich zu bewegen, um ihre Muskulatur zu trainieren. Tag für Tag wurde diese Brust größer und schwerer. Von vier Gramm auf 2 Kilo in 35 Tagen, dafür war Maya geboren worden. Die Beine einiger anderer Hühner in der Halle brachen unter dem Gewicht ein, manche starben an Atemnot und wieder andere wurden von ihren panischen Mitbewohnerinnen zu Tode gepickt.

Hühnermast – (c) VGT

Desorientiert und ohne Möglichkeit zu einem normalen Sozialverhalten stand Maya unter Dauerstress. Eine Spur erträglicher wurde es, als die Lichter in der Halle ausgingen. Das dämpfte die meisten etwas, der Lärmpegel ging zurück und das wilde Schubsen ließ nach. Dann kippte Maya nach vorne auf ihre Brust und versuchte zu schlafen. Leider wurde dieser Schlaf aber regelmäßig unterbrochen, ein Stoß von Links oder Rechts, ein Tritt von Vorne oder Hinten. Am Wichtigsten war, so schien es, fest am Boden zu bleiben. Maya musste früh mitansehen, wie eine umgestürzte Nachbarin von den anderen blutig gekratzt wurde und nicht mehr hochkam.
Maya spürte ununterbrochen ihr kleines Herz klopfen, sie hatte nie einen Zustand erlebt, der frei von Angst war. Andere in der Halle erlagen aufgrund dieser Strapazen einem plötzlichen Herzstillstand. Bis zu ihrer Schlachtung hielt Maya aber durch. Dennoch durfte sie nie die Sonne auf ihrer Haut spüren, nie den Wind durch ihre spärlichen Federn streifen lassen und nie am Boden scharren. Der Untergrund auf dem sie schlief, war eine dicke Schicht aus Exkrementen der Hallenbewohner_innen. Deshalb verursachte sogar die Luft Schmerzen, so voller Ammoniak. Doch bald sollte ihr Martyrium ein Ende haben.
In der Nacht des 35. Tages galt sie als ausgemästet und ein Fangtrupp schlich sich in die dunkle Halle. Ohrenbetäubendes Krähen und gackernde Schreie heulten durch den Raum. Maya wurde umgestoßen und konnte vor Furcht kaum mehr atmen. Jemand packte sie an den wunden Beinchen und warf sie achtlos in eine Kiste. Dabei kugelten ihre Gelenke aus und ein Flügel wurde gebrochen. Ihre Schmerzen und ihre Panik steigerten sich ins Unermessliche. Übelkeit kam hinzu, als sich der ganze Untergrund zu bewegen begann, sie wurde zum Schlachthof transportiert. Plötzlich stand alles still, der Transporter hatte angehalten. Wieder packte sie jemand, schleppte sie zum Schlachthaus und hing sie an den Füßen auf. Ihre letzten Kräfte verließen sie. Als sie durch ein Strombad gezogen wurde, war es endgültig vorbei. Maya war tot, als ihr Kopf abgetrennt wurde und ihr Körper ausblutete. Eine Maschine erledigte den Rest: Mayas Leiche wurde ausgenommen und zerlegt. Wenig später lagen Teile ihres toten Körpers verpackt in einem Supermarkt.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine nette Familie an einem warmen Sommerabend des Jahres 2011 in ihrem Garten saß und den Kindern je ein Flügelchen von Maya zum Essen servierten. Keine_r von ihnen nahm bewusst wahr, dass es sich um ein Individuum gehandelt hatte, das ein gnadenloses Leben voller Angst und Schmerz hinter sich hatte. Keine_r von ihnen ahnte, dass Maya nun so wie sie selbst oder Camilla auch diesen Sommerabend hätte genießen können. Nein, Maya war bloß ein Nahrungsmittel, für sie gab es kein Mitgefühl, keine Daseinsberechtigung und keine Entfaltungsmöglichkeit: Maya war Nummer 346B/11.

Elisa Ludwig, veganlife.at